Stadt Land Fluss - Wo werden die Menschen in Zukunft wohnen?

Was die Menschen aus den Großstädten ins Grüne lockt, sind nicht nur Natur, Ruhe, günstigere Unterkünfte, eine gute WLAN-Verbindung und viel Platz zum Arbeiten.

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Die Corona-Pandemie hat das Bedürfnis der Menschen nach einem Rückzugsort verstärkt. Die Bedrohung von außen führte zu einer Flucht nach innen. Der unfreiwillige Hausarrest hat aber auch dafür gesorgt, dass unser Zuhause gleichzeitig zum Arbeitsort werden musste. Bei vielen Menschen ist der Bedarf an Wohnfläche deshalb größer geworden. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach homeofficefähigen Immobilien auf dem Land gestiegen ist.

Die neue Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten, hat uns nämlich gezeigt: Wir sind nicht mehr auf die Stadt angewiesen – wir könn(t)en von überall aus arbeiten. Umfragen zeigen, dass viele Arbeitnehmer gerne auch nach dem Ende der Corona-Krise zumindest einige Tage pro Woche im Home Office arbeiten würden.

Vor allem junge Familien und „digital natives“ zieht es an den Stadtrand oder darüber hinaus – vorausgesetzt, die WLAN-Verbindung ist gut. Der Digitalverband bitkom hat in einer Umfrage festgestellt, dass jeder fünfte Berufstätige (21 Prozent) umziehen würde, wenn er auch in Zukunft vor allem im Home Office arbeiten könnte. Bei den 16- bis 24-Jährigen ist es sogar mehr als jeder Dritte (35 Prozent), und bei der Altersgruppe bis 34 Jahren gaben 29 Prozent einen Umzugswunsch an. Nur die Älteren (ab 45 Jahren) sind weniger an einem Wechsel interessiert. Als wichtigsten Umzugsgrund gaben 39 Prozent der Befragten an, dass sie gerne im Grünen wohnen möchten.

Auch das Geld spielt bei vielen Umzugswilligen eine Rolle. Aufgrund der Corona-Krise sind die Einkommen vieler Menschen geschrumpft. Sie wünschen sich eine günstigere Miete, aber zusätzlich mehr Wohnraum, denn auch ein separates Arbeitszimmer fürs Home Office hat an Bedeutung gewonnen. Außerdem sorgen steigende Immobilienpreise in den Städten dafür, dass einkommensschwächere Menschen in stadtnahe Regionen mit niedrigeren Mieten ausweichen. Das kommunale Wohnungsunternehmen Gewobag zum Beispiel verzeichnet eine höhere Nachfrage für Wohnungen und Reihenhäuser am Stadtrand. Neubauprojekte der Berliner Genossenschaften in Falkenberg an der Grenze zum Landkreis Barnim und am nordwestlichen Stadtrand sind im Bau bzw. in Planung.

Während Studierende, Berufseinsteiger und Zuzügler aus dem Ausland weiterhin die Ballungszentren bevorzugen, zieht es vor allem Familien verstärkt aufs Land. Die Pandemie ist hier allerdings nicht der Auslöser, sondern nur ein Verstärker, denn den Trend zum Stadtrand gibt es schon seit einigen Jahren.

Der Trend nach Brandenburg wächst

Das Institut für Wirtschaft (IW) Köln verzeichnet seit 2014 einen negativen Binnenwanderungssaldo für kreisfreie Großstädte: Es ziehen mehr Menschen weg als neue hinzukommen. Diese Suburbanisierung betrifft viele große Städte in Europa. In Berlin können die Innenstadtbezirke die Verluste allerdings bisher durch Zuzüge aus anderen Regionen ausgleichen.

Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg meldet für die ersten neun Monate des Jahres 2020 den Wegzug von 14.900 Menschen aus Berlin nach Brandenburg. 10.800 davon zogen ins Berliner Umland. Besonders beliebt: die an Berlin grenzenden Kreise Oberhavel, Barnim und Märkisch-Oderland. 2019 kehrten rund 34.000 Berliner ihrer Stadt den Rücken und zogen nach Brandenburg. Umgekehrt kamen 19.000 Brandenburger nach Berlin.

Aus Pankow, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick zogen zwischen 2014 und 2019 die meisten Menschen nach Brandenburg - die höchsten Zuzüge gab es in ebenfalls in Pankow, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick.

Metropolregion Berlin

Das Interesse am Leben auf dem Land hat für Berlin Folgen: Die an die Hauptstadt grenzenden Kreise Potsdam-Mittelmark, Dahme-Spreewald und Oberhavel gehören inzwischen zu den teuersten im Osten Deutschlands.

Die Beliebtheit Berlins bleibt trotzdem groß: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar im September 2020 unter 400 institutionellen Investoren in mehreren europäischen Ländern zeigt: Jeder dritte Investor hält Berlin für den attraktivsten Immobilienmarkt in Europa. Nur London liegt mit 39 Prozent leicht darüber. Allerdings bestätigt auch diese Studie einen Trend in Richtung Speckgürtel. Zwar liegen die Innenstädte mit 46 Prozent weiter vorn, aber die Metropol-Regionen landeten mit 34 Prozent auf Platz zwei.

Längst spricht man von Berlin und dem Umland als Metropolregion Berlin. Denn es ist eindeutig: Berlins Anziehungskraft geht über die Stadtgrenzen hinaus. Allerdings beschränkt sich die verstärkte Nachfrage bisher noch hauptsächlich auf den Speckgürtel. Eine Studie des ifo-Instituts Dresden zeigt, dass der Anteil der Menschen, die auf dem Land leben, auf dem niedrigsten Stand seit 1871 liegt. Und zwar in West- wie in Ostdeutschland. Das liegt vor allem daran, dass es in vielen ländlichen Regionen an Infrastruktur, Kulturangeboten und Arbeitsplätzen fehlt.

Was die Menschen aus den Großstädten ins Grüne lockt, sind nicht nur Natur, Ruhe, günstigere Unterkünfte, eine gute WLAN-Verbindung und viel Platz zum Arbeiten. Sie wollen gleichzeitig auf die Nähe und eine gute Anbindung an die große Stadt mit all ihren Vorzügen von der Kultur übers Shopping bis zur guten medizinischen Versorgung nicht verzichten.

Ein Grund für die Abwanderung aufs Land ist der angespannte Wohnungsmarkt in Berlin: Es fehlt an Wohnungen vor allem im mittleren, unteren und mietpreisgebundenen Segment, aber auch im Bereich Eigentum. Das geht aus dem IBB-Wohnungsbarometer 2020 hervor.

Fünf Stadtviertel in Berlin gehören nach einer Studie des Verbandes der Sparda-Banken inzwischen zu den teuersten in Deutschland: Wannsee, Dahlem, Tiergarten, Mitte und Alt-Treptow kommen auf durchschnittliche Quadratmeterpreise von über 6.000 EUR/m². Im Nordwesten und Südosten Berlins liegen die Preise noch bei vergleichsweise günstigen 3.000 EUR/m². Die Sparda-Studie zeigt deshalb auch: Je höher die Immobilienpreise, desto eher zieht die arbeitende Bevölkerung ins Umland und pendelt.

Zwar kaufen die Menschen grundsätzlich am liebsten eine Immobilie in der Stadt, in der sie schon leben, aber für Städte mit über 500.000 Einwohnern gilt das immer weniger. Ihre Bewohner zieht es zunehmend in Mittel- und Kleinstädte. Während 2016 noch 63 Prozent der Menschen, die ein Eigenheim kaufen wollten, eine Stadt mit über 500.000 Einwohnern bevorzugten, waren es im ersten Halbjahr 2020 nur noch 57 Prozent.

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