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Neukölln: Rixdorf, Kreuzkölln und das Leben am Kanal

Vom alten Rixdorf bis Kreuzkölln: der dichte, internationale Norden des Bezirks Neukölln, seine Kieze, seine Geschichte und seine Bewohner.

Peter Guthmann Peter Guthmann
Lageportraits 9 Min Lesezeit
Wohnen in Neukölln

Charakter und Identität

Neukölln liegt südöstlich der Berliner Innenstadt, eingefasst vom Landwehrkanal und der Grenze zu Kreuzberg im Norden, dem Tempelhofer Feld im Westen und der Ringbahn im Süden. Der Ortsteil bildet den dichten, urbanen Kern des gleichnamigen Bezirks und erstreckt sich über rund 11,7 km². Hier leben 163.184 Einwohner; der Bestand verteilt sich auf 86.481 Wohnungen und 83.947 Haushalte (Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg).

Dieses Portrait behandelt den Ortsteil Neukölln im Norden des Bezirks. Britz, Buckow, Rudow und die Gropiusstadt sind eigene Ortsteile mit ländlicherem oder von Großsiedlungen geprägtem Charakter und unterscheiden sich deutlich vom Altbaukern, um den es hier geht.

Wer Neukölln zum ersten Mal sieht, sieht meist die Karl-Marx-Straße. Die kommerzielle Hauptachse mit dem Rathaus Neukölln, den Neukölln Arcaden und einem dichten Besatz aus Geschäften, Spätis und Imbissen zieht sich quer durch den Ortsteil. Wenige Hundert Meter weiter, rund um die Weserstraße und den Reuterplatz, beginnt das Viertel, das international unter dem Namen Kreuzkölln bekannt geworden ist und nahtlos an Kreuzberg anschließt.

International ist hier kaum etwas zu übertreffen. Rund um Hermannplatz, Sonnenallee und Maybachufer leben Communitys aus über 160 Nationen Tür an Tür. Die Sonnenallee gilt als eine der zentralen Adressen arabischen Lebens in der Stadt, am Maybachufer hält der Türkische Markt zweimal pro Woche die Tradition der Einwanderung aus der Türkei sichtbar. Diese Mischung bestimmt den Alltag, vom Lebensmittelangebot bis zum Straßenbild.

Architektonisch ist der Ortsteil weitgehend Gründerzeit. Geschlossene Blockränder aus der Zeit um 1900 prägen das Bild, durchsetzt von Wohnanlagen der 1920er und 1930er Jahre. Im Kern um den Richardplatz erinnert das alte Rixdorf mit niedrigen Häusern und Kopfsteinpflaster an die dörfliche Vergangenheit, während die Quartiere am Tempelhofer Feld und am Körnerpark ruhigere, eigene Charaktere haben.

Geschichte und Wandel

Neukölln ist älter als sein Name. Der Ort wurde 1360 als Richardsdorp erstmals urkundlich erwähnt und entstand im Umfeld des Johanniterordens. Aus Richardsdorp wurde über die Jahrhunderte Rixdorf, ein Angerdorf rund um den heutigen Richardplatz. 1737 siedelte der preußische König Friedrich Wilhelm I. böhmische Glaubensflüchtlinge an, die als protestantische Brüder vor der Gegenreformation geflohen waren. Neben dem deutschen Rixdorf entstand so ein böhmisches Dorf, dessen Spuren rund um den Comenius-Garten und die Rixdorfer Schmiede bis heute sichtbar sind.

Im 19. Jahrhundert wuchs Rixdorf mit der Industrialisierung schnell. 1899 wurde es zur Stadt erhoben und zählte bald zu den am dichtesten bebauten Kommunen Preußens. Der Ort trug den Ruf eines Vergnügungsviertels; das Lied „In Rixdorf ist Musike“ stand für Tanzlokale und ein ausgelassenes Nachtleben. Um dieses Image abzulegen, beantragte die Stadt 1912 die Umbenennung in Neukölln, in Anlehnung an Cölln, die mittelalterliche Schwesterstadt Berlins. 1920 wurde Neukölln im Zuge der Bildung von Groß-Berlin zum Bezirk.

In der Weimarer Zeit entstanden im Bezirk wegweisende Reformsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus, die bekannteste davon im südlich angrenzenden Britz. Der nördliche Ortsteil blieb ein dicht bebautes Arbeiterquartier. Ab den 1960er Jahren zogen Arbeitsmigranten vor allem aus der Türkei zu und prägten Quartiere wie die Sonnenallee dauerhaft. Über Jahrzehnte galt Nord-Neukölln als Quartier mit günstigen Mieten und sozialen Spannungen.

Seit Mitte der 2000er Jahre veränderte sich der Ortsteil rasch. Niedrige Mieten und die Nähe zu Kreuzberg zogen Studierende, Kreative und internationale Zuzügler an; rund um den Reuterkiez entstand mit Kreuzkölln ein neues Ausgehviertel. Mit der steigenden Nachfrage reagierte der Bezirk: 2016 und 2017 wurden die nördlichen Quartiere fast flächendeckend zu Milieuschutzgebieten nach § 172 BauGB erklärt, um die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung zu sichern.

Sehenswürdigkeiten

Die bekannteste historische Adresse ist Rixdorf rund um den Richardplatz. Das böhmische Dorf mit der Bethlehemsgemeinde, dem Comenius-Garten und der noch arbeitenden Rixdorfer Schmiede bildet einen dörflichen Kern mitten in der Großstadt. Im Dezember zieht der Rixdorfer Weihnachtsmarkt mit seinem historischen Zuschnitt Besucher aus der ganzen Stadt an.

Der Körnerpark ist die grüne Überraschung des Ortsteils. Die zwischen 1912 und 1916 in eine ehemalige Kiesgrube gesetzte Gartenanlage im Stil eines barocken Schlossgartens hat eine Orangerie, die Galerie im Körnerpark und ein Café. Größere Erholungsfläche ist die Hasenheide, ein Volkspark, in dem Friedrich Ludwig Jahn 1811 den ersten deutschen Turnplatz anlegte. Heute finden sich dort ein Freiluftkino, ein Tiergehege und weite Wiesen.

Am westlichen Rand grenzt das Tempelhofer Feld an, die ehemalige Flugfläche des Flughafens Tempelhof, die seit 2010 als eine der größten innerstädtischen Freiflächen Europas öffentlich zugänglich ist. An der Sonnenallee liegt das Estrel, das größte Hotel- und Kongresszentrum Deutschlands. Kulturell prägen das Heimathafen Neukölln an der Karl-Marx-Straße, das Kino in der Passage und das denkmalgeschützte Stadtbad Neukölln aus den 1910er Jahren das Programm. Einmal im Jahr bespielt das stadtweit bekannte Festival 48 Stunden Neukölln Hinterhöfe, Läden und Ateliers im gesamten Ortsteil.

Beliebte Kieze in Neukölln

  • Reuterkiez (Kreuzkölln): Zwischen Landwehrkanal, Kottbusser Damm und Sonnenallee gelegen, das Zentrum der jungen, internationalen Szene. Dichte Bar- und Caféstruktur entlang der Weserstraße, hoher Altbauanteil, hohe Nachfrage.
  • Schillerkiez: Westlich der Hermannstraße direkt am Tempelhofer Feld. Die Schillerpromenade mit der Genezarethkirche am Herrfurthplatz bildet das Rückgrat; durch die Lage am Feld stark nachgefragt.
  • Rixdorf (Richardkiez): Der historische Dorfkern um den Richardplatz, ruhig, niedrige Bebauung, böhmische Geschichte und Kopfsteinpflaster.
  • Körnerkiez: Rund um den Körnerpark zwischen Karl-Marx-Straße und Ringbahn, geprägt von gründerzeitlichem Altbau und der ruhigen Parklage.
  • Rollbergkiez: Die Rollbergsiedlung südlich der Karl-Marx-Straße, ein in den 1970er Jahren neu gebautes Quartier mit eigenem sozialem Profil.

Szene und Alltag

Das gastronomische Schwergewicht des Ortsteils liegt im Norden. Entlang der Weserstraße reihen sich Bars, Spätis und kleine Restaurants; die Sonnenallee versorgt rund um die Uhr mit Lebensmittelläden, Bäckereien und Lokalen der arabischen Community. Der Türkische Markt am Maybachufer ist dienstags und freitags ein fester Treffpunkt für Gemüse, Stoffe und Streetfood.

Über den Neukölln Arcaden liegt mit dem Klunkerkranich ein Dachgarten, der zu einem der bekanntesten Aussichts- und Veranstaltungsorte des Ortsteils geworden ist. Kulturelle Anker sind das Heimathafen Neukölln, die Galerie im Körnerpark und das Stadtbad Neukölln. Im Sommer läuft in der Hasenheide das Freiluftkino, im Frühsommer öffnet 48 Stunden Neukölln Ateliers und Höfe für ein breites Publikum. Der Alltag dazwischen ist weniger glamourös und stärker von Nahversorgung, Wochenmärkten und Nachbarschaftsinitiativen geprägt, als das Image vermuten lässt.

Wer in Neukölln lebt

Neukölln ist von kleinen Haushalten und einer jungen, internationalen Bevölkerung bestimmt. Wie sich die Haushalte nach Größe verteilen, zeigt die folgende Aufschlüsselung.

Haushalte nach Größe in Neukölln
Verteilung der Haushaltsgrößen (Zensus 2022)

Die Altersstruktur ist von jüngeren Erwerbstätigen geprägt, mit einem hohen Anteil von Menschen in den Zwanzigern und Dreißigern. Das spiegelt den Charakter eines Einstiegs- und Szenequartiers wider.

Altersstruktur in Neukölln
Bevölkerung nach Altersgruppen (Anteil)

Den internationalen Charakter des Ortsteils zeigt die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung nach Herkunftsgebieten.

Herkunft (Migrationshintergrund) in Neukölln
Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Herkunftsgebiet

In kaum einem anderen Ortsteil ist der Anteil von Bewohnern mit Wurzeln in der Türkei, den arabischen Ländern und Südosteuropa so hoch. Diese Vielfalt ist kein Randmerkmal, sondern bestimmt das Quartier seit Jahrzehnten und unterscheidet Neukölln von den meisten anderen Berliner Lagen.

Wen es nach Neukölln zieht

Wie sich die Bevölkerung erneuert, zeigen die Wanderungsdaten. Neukölln wächst vor allem über Zuzug von außerhalb Berlins, während es im Austausch mit dem Umland und den südlichen Ortsteilen netto Menschen abgibt.

Außenwanderung in Neukölln
Zu- und Fortzüge über die Stadtgrenze nach Staatsangehörigkeit
#LandZuzügeFortzügeSaldo
1Indien647166481
2Türkei458316142
3Rumänien298362-64
4Bulgarien263355-92
5Italien261316-55
6Arabische Republik Syrien241107134
7Ukraine22917356
Deutschland2.7623.139-377
Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (Stand 2024); eigene Berechnung und Darstellung

Über die Stadtgrenze trägt der internationale Zuzug das Wachstum, mit wiederkehrend starken Herkunftsländern in Südosteuropa und der Türkei.

Zuzug nach Neukölln
Top-Quellräume des Binnenzuzugs (woher)
#OrtsteilPersonen
1Kreuzberg1.184
2Friedrichshain731
3Prenzlauer Berg490
4Schöneberg444
5Tempelhof359
Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (Stand 2024); eigene Berechnung und Darstellung

Innerhalb Berlins ist der Austausch am engsten mit dem direkt angrenzenden Kreuzberg und den umliegenden Ortsteilen.

Fortzug aus Neukölln
Top-Zielräume des Binnenfortzugs (wohin)
#OrtsteilPersonen
1Kreuzberg1.137
2Friedrichshain681
3Prenzlauer Berg520
4Schöneberg445
5Britz377
Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (Stand 2024); eigene Berechnung und Darstellung

In die Gegenrichtung verläuft die Bewegung kleinräumig in die südlichen Neuköllner Ortsteile Britz und Buckow sowie ins Brandenburger Umland. Diese Suburbanisierung hält seit Jahren an und ist Ausdruck des enger gewordenen Wohnungsmarktes im dichten Norden.

Gebäude und Wohnungen

Der Gebäudebestand umfasst 6.610 Gebäude. Den Kern bildet der gründerzeitliche Altbau aus der Zeit um 1900, ergänzt um Wohnanlagen der 1920er und 1930er Jahre und einzelne Nachkriegsbauten wie die Rollbergsiedlung. Plattenbauten in größerem Umfang fehlen im Ortsteil; sie prägen mit der Gropiusstadt einen anderen Teil des Bezirks. Eine Chart-Datenquelle für Baualtersklassen liegt nicht vor; diese Einordnung beruht auf dem Guthmann-Marktreport.

Der hohe Anteil kleiner Haushalte spiegelt sich im Wohnungsbestand. Wie sich die Wohnungen auf die Größenklassen verteilen, zeigt die folgende Aufstellung.

Wohnungen nach Fläche in Neukölln
Wohnungsbestand nach Größenklassen (Zensus 2022)

Auch die Nutzung des Bestands, also das Verhältnis von vermieteten zu selbst genutzten Wohnungen, ordnet den Ortsteil ein.

Mieter und Eigentümer in Neukölln
Wohnungen nach Nutzungsart (Zensus 2022)

Neukölln ist im Kern ein Mietquartier. Der Anteil selbst genutzten Eigentums liegt deutlich niedriger als in den südlichen Ortsteilen des Bezirks, wo Einfamilienhäuser und Gartenstadt-Siedlungen das Bild bestimmen. Neubau entsteht im dicht bebauten Norden vor allem durch Nachverdichtung, Aufstockung und einzelne Projekte auf ehemaligen Gewerbeflächen, etwa entlang der Saalestraße.

Neubau-Aktivität in Neukölln
Wohnungssaldo durch Bautätigkeit pro Jahr
Datentabelle: Neubau-Aktivität in Neukölln
ZeitraumWohnungssaldo
2021466 Wohnungen
2022158 Wohnungen
2023250 Wohnungen
2024366 Wohnungen

Verkehr und Infrastruktur

Neukölln ist dicht an das Schnellbahnnetz angebunden. Die U7 verläuft unter der Karl-Marx-Straße mit den Bahnhöfen Hermannplatz, Rathaus Neukölln, Karl-Marx-Straße und Neukölln und verbindet den Ortsteil mit Kreuzberg und dem Westen der Stadt. Die U8 führt über Schönleinstraße, Hermannplatz, Boddinstraße, Leinestraße und Hermannstraße Richtung Wedding. Am Hermannplatz kreuzen sich beide Linien.

Die Ringbahn (S41 und S42) fasst den Ortsteil im Süden ein, mit den Stationen Neukölln, Hermannstraße und Sonnenallee. Am Bahnhof Neukölln und an der Hermannstraße entstehen so wichtige Umsteigeknoten zwischen U- und S-Bahn, die den Ortsteil sowohl in die Innenstadt als auch auf den Ring führen.

Der Uferweg am Landwehrkanal bildet eine ruhige Nord-Süd-Achse für Radfahrer, das Tempelhofer Feld bietet im Westen weite, autofreie Wege. Mehrere Quartiersstraßen im Reuter- und Schillerkiez sind verkehrsberuhigt; die hohe Bebauungsdichte und der Parkdruck bleiben im Alltag aber spürbar.

Die Versorgung konzentriert sich auf die Karl-Marx-Straße mit den Neukölln Arcaden und einen dichten, inhabergeführten Einzelhandel entlang von Sonnenallee und Hermannstraße. Schulen und Kitas verteilen sich über die Wohnquartiere; die Volkshochschule und die Stadtbibliothek im Umfeld des Rathauses sind zentrale Bildungseinrichtungen des Ortsteils.

Mit der Hasenheide, dem Körnerpark und dem direkt angrenzenden Tempelhofer Feld hat der dicht bebaute Ortsteil drei sehr unterschiedliche Grünräume. Der Landwehrkanal ergänzt im Norden eine Wasserkante, die im Sommer zu den am stärksten genutzten öffentlichen Räumen des Quartiers gehört.

Für wen Neukölln passt

  • Internationale Einsteiger: Der hohe Anteil kleiner Wohnungen, der ausgeprägte Mietmarkt und der starke Zuzug von außerhalb machen Kreuzkölln und den Reuterkiez zu klassischen Einstiegslagen für junge Zuwanderer und Studierende. Das Preisniveau ist gestiegen, das Angebot überwiegend Miete.
  • Kreativ- und Gastroszene: Die dichte Bar-, Atelier- und Veranstaltungsstruktur entlang der Weserstraße und rund um den Klunkerkranich zieht Menschen aus Kultur und Gastronomie an, die kurze Wege und urbane Dichte suchen.
  • Familien an den grünen Rändern: Schillerkiez am Tempelhofer Feld und Körnerkiez am Park bieten Altbau in ruhigerer Lage mit kurzem Weg ins Grüne, gefragt bei Familien, die innerstädtisch bleiben wollen.
  • Kapitalanleger im Altbau: Der gründerzeitliche Bestand mit vernünftigen Einheitengrößen und stabiler Vermietbarkeit ist für Investoren interessant. Der flächendeckende Milieuschutz im Norden reguliert allerdings Umwandlung und Modernisierung und gehört in jede Kalkulation.

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