Marktanalysen
Analyse der Guthmann-Studie
Wohnmobilität in Berlin 2017: Was bewegt die Mieter wirklich?
Gentrifizierung ist in aller Munde, doch was steckt hinter der gefühlten Verdrängung? Unsere Studie untersucht die wahren Umzugsgründe in Berlin und zeigt, dass die Realität komplexer ist.
Peter Guthmann
Der Begriff "Gentrifizierung" prägt die öffentliche Debatte über den Berliner Wohnungsmarkt. Schlagzeilen über steigende Mieten und Verdrängung erwecken den Eindruck, dass rein ökonomische Faktoren die Wohnmobilität bestimmen. Eine von Guthmann durchgeführte Studie in den Quartieren Rixdorf, Soldiner Straße und Schöneberger Insel zeigt: Die Realität ist komplexer.
Lebenszyklus vor Mietpreis
Die meisten Umzüge werden nicht durch Mietsteigerungen oder Kündigungen erzwungen. Haushaltsinterne Veränderungen lösen den Großteil der Wohnungswechsel aus: Familiengründungen, ein neuer Arbeitsplatz, der Beginn eines Studiums. Besonders die 18- bis 39-Jährigen sind mobil. Für Investoren heißt das: Die natürliche Fluktuation durch normale Lebensereignisse bleibt ein stabiler und kalkulierbarer Faktor auf dem Markt für Wohnungen in Berlin.
Was Bewohner unter Verdrängung verstehen
Der Begriff "Verdrängung" wird von den Bewohnern sehr unterschiedlich interpretiert. In Rixdorf (Neukölln) und auf der Schöneberger Insel spielen immobilienökonomische Sorgen wie auslaufende Mietverträge eine Rolle. Im Soldiner Kiez (Bezirk Mitte) dominieren dagegen andere Faktoren: ein als negativ empfundenes soziales Umfeld, Kriminalität und mangelnde Sauberkeit. Diese Unsicherheitsgefühle erzeugen einen erheblichen Fortzugsdruck, der oft fälschlicherweise als Gentrifizierung eingeordnet wird.
Passiver Druck und Protestbereitschaft
Etwa die Hälfte der Befragten (52 Prozent) fühlt sich zwar nicht direkt bedroht, nimmt aber eine Verunsicherung wahr: durch Medienberichte, steigende Mieten im Umfeld, politische Debatten. Dieser latente Druck hat konkrete Folgen. Fast die Hälfte (47,1 Prozent) würde sich an Protesten gegen Neubauvorhaben im eigenen Kiez beteiligen. Für Bauträger und Investoren ist diese hohe Protestbereitschaft ein Risiko, das bei der Projektplanung berücksichtigt werden sollte und die gesamte Marktentwicklung beeinflusst.
Was das für Investoren heißt
Eine rein wirtschaftliche Betrachtung der Berliner Wohnmobilität greift zu kurz. Umzugsentscheidungen und das Verdrängungsempfinden sind ein Zusammenspiel aus Lebensphasen, sozialem Umfeld und ökonomischem Druck. Die spezifischen soziodemografischen Gegebenheiten im jeweiligen Quartier zu kennen, hilft dabei, Risiken wie Protestpotenziale frühzeitig einzuschätzen und Chancen aus der natürlichen demografischen Entwicklung zu erkennen.